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Udo Lindenberg

16. Januar 2001 – ein ganz normaler Tag in Deutschland, eingebettet zwischen zwei Meldungen, die so selbstverständlich daherkommen wie der Wetterbericht. Beim Frühstück erfahren wir von einer genehmigten Nazidemonstration in Hamburg, beim Abendbrot berichtet das Heute-Journal von einem Skinhead-Attentat in Stuttgart. Die Nazis reklamierten den  27. Januar für ihren Aufmarsch, der im bundes-deutschen Kalender offiziell als  Holocaust-Gedenktag geführt wird. Eine Gegendemonstration wurde untersagt. Begründung der zuständigen Behörde: Die "andere Seite" hätte ihr Anliegen zuerst angemeldet. Über das Stuttgarter Attentat, bei dem vier jugendliche Glatzköpfe einen irakischen Mitbürger auf offener Straße mit Bierflaschen krankenhausreif schlugen, heißt es, die  Polizei schließe einen fremdenfeindlichen Hintergrund nicht gänzlich aus.

Wie gesagt, ein ganz normaler Tag in Deutschland. Auch für Udo Lindenberg. Er gibt sich das volle Pflichtprogramm, er leistet Öffentlichkeitsarbeit. Auf seine Initiative hin hat sich nämlich ein Troß von Bands und Schauspielern auf den Weg durch die Republik gemacht. Das spektakuläre Unternehmen will unter dem Motto "Rock gegen rechte Gewalt" in Dresden, Hamburg, Rostock und Berlin eindeutig Position beziehen in unserer lau geführten Debatte um den ausufernden rechten Terror.  "Das Schweinethema droht uns allmählich über den Kopf zu wachsen", nuschelt Udo, "deshalb wollen wir die Nazischeiße endgültig   beenden. Wir schicken die Glatzen auf einer Naziverabschiedungstournee in den Ruhestand."

Wir sitzen in der Bar des Hamburger Atlantic-Hotels, seinem Wohnzimmer, wie er sagt. Traumschiff-Produzent Rademacher ist da, Otto Sander auch, Veronica Ferres huscht durch die Halle und Mario Adorf checkt gerade ein. Udo runzelt die Stirn und läßt die Hutkrempe vor der Sonnenbrille auf und ab hüpfen. "Wir garantieren  richtig gutes Entertainment ", sagt er, "schließlich sind wir nicht von der Firma `Tief Betroffen`. Lieber mal leicht bekifft und leicht besoffen, als dauernd schwer bedrückt. Das wird eine Supershow, aber nicht nach amerikanischem Muster. Ein bißchen Freestyle auf der Bühne muß schon sein."

Eine ältere Dame nähert sich schüchtern und bittet um ein Autogramm. "Für Ihre Tochter?" fragt Udo. "Nein," lacht sie, "für mich." Während er in das dargereichte Notizbuch kritzelt, gesteht sie ihm, wie phantastisch er auf dem gestrigen Zeitungsfoto ausgesehen hätte, das ihn auf einem Berliner Ball in Gesellschaft des Kanzlerehepaars zeigte. Ob der Schröder symphatisch sei, will sie wissen. "Der ist okay", sagt er, "für`n Politiker schwer in Ordnung."

"Er ist okay", wiederholt er lächelnd, nachdem die Dame gegangen ist. "Aber wirklich beeindruckt war ich von Doris. Die Lady hat Stil und Stolz. Wir haben beschlossen, zusammen einen Song aufzunehmen, darauf freue ich mich." Er verschwindet für einen Moment an den Kamin, um in Ruhe zu telefonieren. Dabei rutscht er soweit in die Polster eines Sessels, daß nur noch der Hut über die Rückenlehne ragt.

Ich kenne Udo Lindenberg seit mehr als zwanzig Jahren. Nicht gut, aber auch nicht schlecht. Wir sind uns zu vorgerückter Stunde immer mal wieder in gähnend leeren Bars begegnet – meist standen wir bei einem letzten Tequilla wortlos nebeneinander, zwei Melancholiker, die in grober Selbstüberschätzung das Gewicht der Welt auf ihre Schultern geladen hatten und nun unfähig waren, dem neuen Tag ins Auge zu blicken. Wir hatten aber auch beruflich miteinander zu tun. Bei diesen Gelegenheiten lernten wir uns von der diziplinierten Seite kennen. Daraus ist Symphatie und Respekt erwachsen, weit entfernt von jeder Kumpanei.

Da sitzt sie also unterm Hut, die alte Nöle. Niemand außer Joseph Beuys hat sein öffentliches Erscheinungsbild über Jahre hinweg derart konsequent stilisiert. Eine Marotte geriet zum Markenzeichen und bewehrte sich gleichzeitig als Schutzschild. Schon in den siebziger Jahren, als Robert Lemke die Nation noch beim heiteren Beruferaten vor dem Bildschirm versammeln konnte, muß Udo geahnt haben, welche gewaltigen und zerstörerischen Zähne der Medienmaschine eines Tages wachsen würden. Inzwischen sind sie ihr gewachsen. Die Medien sind zum Haifisch der Entertainmentgesellschaft geworden, sie machen Stars und sie zerstören Stars. Und das in immer kürzer werdenden Abständen, ganz wie der schnelle Markt es verlangt.

An dem Mann mit dem Hut aber haben sie sich übernommen. Selbst als sie ihn vor einigen Jahren nach einem Gelage mit Harald Juhnke hier in der Atlantic-Bar zum Buhmann der Nation stempelten, weil der Altmeister des Kampftrinkens anschließend kollabierte, zielte die Attacke ins Leere. Udo konterte den Vorwurf, er sei mit der Schwäche eines Alkoholkranken nicht verantwortungsvoll genug umgegangen, auf seine Weise: "Man kann doch jemanden, der gerade einen gekonnten Absturz inszeniert, nicht in die Parade fahren", gab er zu Protokoll. Mittlerweile scheinen die Medien mit dem unverwüstlichen Popstar ihren Frieden geschlossen zu haben. Mittlerweile ist es schon eine Schlagzeile wert, wenn er in der Öffentlichkeit die Sonnenbrille abnimmt. Das tut er laut Bild-Zeitung nämlich nur alle hundert Jahre.

"Tschuldigung", sagt er, als er zurückkommt, "hat ein bißchen länger gedauert." Er nimmt die Sonnenbrille von der Nase. "Das einzige, was die braune Kloake auf Dauer eindämmen kann, ist eine bunte Republik", sagt er, "das geht mit der neuen Regierung, die ist ganz anders drauf. Zu Kohl-Zeiten war man ja Welten auseinander."

In dem veränderten Klima der rot-grünen Regierung hat sich die Zahl der rechtsextremen Terrorakte aber verdeifacht. Justiz und Polizei gehen in der Regel nach wie vor sehr pfleglich mit bekennenden Neo-Nazis um. In Talkshows werfen Sozialwissenschaftler mit mildernden Umständen für marodierende Jugendbanden nur so um sich. Und an den Stammtischen wie in vielen Wohnstuben findet ein ideologischer Schulterschluß zwischen den Generationen statt, der ein Unrechtbewußtsein bei jugendlichen  Neonazis gar nicht erst aufkommen läßt.

Was also macht Udo Lindenberg so sicher, daß die braune Saat, die ja erst am Anfang ihrer Blüte steht, so ohne weiteres in sich zusammenbrechen wird? Faschismus ist keine Ideologie, die sich mit dem Verstand bekämpfen ließe, Faschismus ist geballte, unkontrollierte Energie, die sich aus dem Bodensatz einer Gesellschaft entwickelt, sobald sich dort die Erkenntnis verdichtet, daß es im Leben sowieso nichts mehr zu gewinnen gibt. Die gnadenlose Leistungsgesellschaft unserer Tage produziert genügend Verlierer, die in dumpfer Reflexion ihrer Situation bereit sind, sich zu solidarisieren und die Schuld für ihr Scheitern bei anderen zu suchen. Mit bekennenden Rockkonzerten ist da wenig zu machen.

"Hardcore-Nazis kann man nicht bekehren", bestätigt Udo, "aber es gibt viele irritierte Wanderer im braunen Sumpf, denen man die Möglichkeit zum Ausstieg geben muß. Die Leute, die in Leipzig auf die Straße gegangen sind, wollten sich die Nazischeiße bestimmt nicht einhandeln. Die sind nur reichlich durcheinander zur Zeit. Wir wollen auf dieser Tournee auch in die sogenannten NBZs gucken, in die `National befreiten Zonen`. Wo die Bürgermeister sagen, was wollt ihr denn, ist doch alles ruhig bei uns, hier passiert nichts. Da passiert nichts, weil sich keiner auf die Straße traut. Es gibt inzwischen genügend Leute in diesem Land, auch in meinem Umfeld, die sagen: notfalls fahren wir da selbst hin und geben den Nazis auf die Ohren."

Der eigentliche Grund, warum die Nazis seiner Meinung nach auf verlorenem Posten kämpfen, liegt in der entschiedenen Haltung der deutschen Wirtschaft, die nicht noch einmal den Fehler begehen wird, dem "gesunden Volksempfinden" fianziell unter die Arme zu greifen. Die großen Unternehmen schauen längst über den Tellerand des nationalen Markt hinaus, sie haben sich voll aufs Global Village konzentriert. Jede reaktionäre Bewegung in der Heimat ist Gift fürs Geschäft . "In den Vorständen der Konzerne sitzen inzwischen sehr smarte Jungs", sagt Udo. Es brauchte nicht viel Überredungskunst, um mit der Sound-Foundation von VW, der Telekom, BMW und Bertelsmann vier potente Sponsoren zu finden, die für die Kosten des rockigen Politspektakels aufkommen würden.

Ebenso wenig Überredungskunst brauchte es, die Künstler zu rekrutieren, obwohl sie für ihren Auftritt keinen Pfennig Gage zu erwarten haben. Die Liste der Teilnehmer, die sich in wechselnder Zusammensetzung dem Publikum präsentieren, liest sich wie ein Wunschkonzert. Von den siebziger Jahren bis heute ist alles aufgeboten, was der deutschen Pop-Kultur auf die Beine half. Bis auf eine Ausnahme: Marius Müller-Westernhagen. "Marius macht nicht mit", sagt Udo, "das finde ich total daneben. Er ließ mir über seinen Manager ausrichten, daß er nicht dabei sein will. Er war nicht einmal bereit, unseren Aufruf gegen rechte Gewalt zu unterschreiben. Ich hatte ihn immer für einen integren Vogel gehalten, aber nach dieser Geschichte ist er für mich gestorben."

Ende einer Freundschaft. Prätentiöses Divagehabe schön und gut, aber bitte nicht zum falschen Zeitpunkt. Die Hutkrempe bewegt sich wieder auf und ab, als wolle er dem strapazierten Hirn Luft zufächern. Zehn Jahre bevor Marius mit der an den Haaren herbeigezogenen Botschaft "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" seinen ersten Hit landete, hatte Udo mit dem Song "Ganz egal" bereits gegen die Diffamierung von Schwulen Partei ergriffen. Er hat sich von Anfang an für seine Ideale ins Zeug gelegt. "Das ging schon los, als ich noch ein kleiner Trommler war. Damals habe ich viel mit Schwarzen gearbeitet, die mir von der Bürgerrechts-bewegung erzählten. Ich habe mir gesagt, Entertainment allein genügt nicht, man muß eine Haltung damit verbinden. Und deswegen mag ich meinen Beruf auch nach dreißig Jahren noch so richtig gern. Weil er eben mehr kann, als ein  bißchen Trallala abzusondern, das die Musikindustrie der notleidenden Welt als dekoratives Sedativum um den Hals hängt."

Udo Lindenberg und sein Panik Orchester werden die einzigen sein, die auf der Tournee "Rock gegen rechte Gewalt" in allen vier Städten auftreten. Schlappe zwanzig Minuten, mehr nicht diesmal. Aber diese zwanzig Minuten werden ausreichen, um seine unglaubliche Bühnenpräsenz unter Beweis zu stellen. Auf der Bühne ist er in seinem Element, da springt er an, da wirkt er betörend zeitlos.

"Ich spiele inzwischen eine ganz andere Rolle", nuschelt er, "man will ja nicht ewig die Rock`n-Roll-Ledermmaus geben. Jetzt sind da auch die stillen Momente. Ich erzähle den Leuten beispielsweise, wie man sich fühlt, wenn man jahrelang in dunkles Leder gehüllt mit schwerem Schritt über diese verdammten sieben Brücken gegangen ist. Der Ballast der Unwissenheit ist endlich abgeworfen. Ich habe eine sehr gute Position, mein Image erlaubt mir praktisch alles. Da bleibt viel Raum für Phantasie, das soll auch so bleiben."

Seine Sätze klingen, als würden sie durch Nordseeschlick gezogen. "Ich war immer ein Freund großer Shows", fügt er hinzu, "aber es gibt auch Situationen, wo du allein da vorne stehst, ganz ohne Schleudergitarren. Alles was du hast ist der Text und dein Bodytalk. Es gibt Leute, die vor solchen Momenten Angst bekommen." Er lacht gequält. "Aber inzwischen habe ich einen sehr speziellen schwindeligen Tanzstil entwickelt. Er ist wesentlich graziler geworden. Anfangs war das ein ziemlich unsicheres Gezottel."

1973 war es, als das Panik Orchester in der Hamburger Musikhalle zum erstenmal vor großem Publikum auftrat. Udo hatte in der Garderobe vor Nervosität fünfzehn Cola mit Korn getrunken. "Ich raste auf die Bühne, wo ich das Mikrofon auf einem dieser wackeligen Ständer wähnte. Leider hatte ich mich in der Entfernung vertan und rannte ins Leere. Ich fiel zu Boden und das Mikrofon schleuderte mir aus der Halterung direkt vor die Schnauze. Das wars dann wohl, dachte ich, die Karriere wurde soeben beendet. Plötzlich schrien die Leute vor Begeisterung auf, die dachten, das hätten wir geprobt!" Seit diesem Tag gehört die Mikrofonschleuderei zu seinem Standardrepertoire. "Sieben Meter neunzig sind nach wie vor locker drin", betont er stolz.

"Der Humor, den Udo besitzt, ist etwas, was ich in Deutschland noch nicht gefunden habe", sagte der Theaterregisseur Peter Zadek, nachdem sie 1979 gemeinsam an einer Rock-Revue gearbeitet hatten. "Er repräsentiert eine elektrisierende Mischung aus Naivität und Schizophrenie." Udo selbst erklärt das Phänomen Lindenberg gewohnt schlicht: "Ich bin von Beruf Udo Lindenberg", schrieb er in seiner 1989 erschienenen Autobiographie "El Panico". Er versteht seinen Beruf. Wer`s nicht glaubt, kann sich auf seiner Naziverabschiedungstournee davon überzeugen.

Dieses Porträt erschien in der WELT

Zwei Hambürger

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