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Roger Willemsen: „Brehms Tierleben“

"Der erste Eindruck, den das Nilpferd auf den Betrachter macht, ist kein günstiger.“ Roger Willemsen zitiert diesen Satz des Alfred Edmund Brehm mit sichtlichem Vergnügen. Weiß er doch, dass Brehm sich vom ersten Eindruck nicht täuschen lässt, dass er auch dem „Flussschwein“, wie es von den alten Ägyptern abfällig genannt wurde, auf liebevolle Weise gerecht wird. „Dieser Mann hat einen Blick auf die Tiere kultiviert, der die Tierberichterstattung revolutionierte. Grzimek, Horst Stern und andere– sie alle wären ohne Brehm nicht denkbar.“

 „Brehms Tierleben“ entstand zwischen 1864 und 1869 und machte seinen Autor weltberühmt. Das umfangreiche Werk gehört noch immer zu den größten Bucherfolgen aller Zeiten, auch wenn sich der zehnbändige „Originalschinken“, an dem die Forschung jahrzehntelang herumgekrittelt hatte, schon lange als bleischwerer Ladenhüter erwies. Ausgerechnet Roger Willemsen, dessen charmant-intelligente Plauderstunden dem Fernsehpublikum noch aus „Willemsen Woche“ in bester Erinnerung sind, der sich danach mit der „Afghanischen Reise“ und dem Buch „Hier spricht Guantánamo“ als engagierter Streiter für die Menschenrechte geoutet hatte, fühlte sich verpflichtet, den Klassiker zu entstauben. „Ich habe gedacht, dies ist ein Hausbuch, das gehört in jede Bibliothek.“

 Willemsen, der in der deutschen Medienlandschaft lange Zeit als Vorzeigeintellektueller gehandelt wurde, machte sich in mühevoller Kleinarbeit daran, das großartige Vermächtnis des Alfred Edmund Brehm zu straffen und zu bürsten. Er hat das Buch von dem halbwissenschaftlichen Gerümpel bereinigt, es dort auf Vordermann gebracht, wo sich der Autor durch wissenschaftliche Exkurse, Querverweise und Fremdzitate verrannt hatte. An Brehms Schreibstil hat er sich jedoch nicht vergriffen. Dafür war sein Respekt vor der schriftstellerischen Leistung dieses Mannes zu groß.

 Er verweist auf das Buch „Wert und Ehre deutscher Sprache“ von Hugo von Hofmannsthal. „Darin hat Hofmannsthal Beispiele von vorbildlicher deutscher Prosa versammelt. Und wer ist dort als der Vertreter von Wissenschaftsprosa genannt? Der alte Brehm! Die Kenntnisse über die Tiere mögen sich in einzelnen Fällen überholt haben, aber der Sprachgenuss, die Feinkörnigkeit der Sprache, der Genuss an der Bildlichkeit, der Sinnlichkeit, der Art, Sätze zu bauen, der Art, unsere Wahrnehmung zu organisieren, der ist hinreißend.“

 Am Ende hat sich Willemsen auf 91 Arten beschränkt. Säugetiere, Vögel, Kriechtiere, Lurche, Fische, Insekten oder die sogenannten Niederen Tiere wie der Regenwurm oder die Staatsqualle – der Brehmsche Kosmos blieb in dieser Neufassung im wesentlichen erhalten. „Jeden Königsweg zu einem Tier kann man über dieses Buch begehen,“ sagt Willemsen nicht ohne Stolz. Er war schon als Kind ein ausgesprochener Tiernarr. „Ich wuchs am Waldrand auf, bin um fünf Uhr aufgestanden und habe vom Hochstand aus beobachtet, wie die Hasen und Rehe aus dem Wald kamen. Es gibt diese pathologische Liebe des Kindes zum Tier, die von einer bestimmten Form von Beseelung ausgeht. Diese Kinderreligiosität habe ich sehr stark gehabt.“

 Brehm war der erste Tierforscher, der am lebenden Objekt geforscht hat und nicht an toten Präparaten oder Tieren in Gefangenschaft. Er reiste für seine Studien von Lappland bis Abessinien, von Sibirien bis in die USA. Vor Brehm waren Tiere für die Wissenschaft nichts als seelenlose Wesen, die fraßen, schliefen, sich vermehrten und von wenigen Instinkten durch ihr Dasein gezogen wurden. Die Natur galt als göttlicher Maschinenpark und die Tiere als gefühllose Wesen, denen der Himmel versperrt war.

 „Es war Brehm,“ sagt Willemsen, „der den Tieren erstmals Charakter und Würde gab. Er wurde praktisch zum Prisma, durch das wir einen völlig neuen Blick auf die Tierwelt werfen konnten. In Brehms Sichtweise fließen Naturliebe und der Wunsch nach Naturerhaltung unmittelbar ineinander. Das ist das Schöne. Wenn Sie etwas so lieben, etwas so fühlen können wie er, dann werden Sie es erhalten wollen. Insofern ist Brehm eine gute Vorlage für Menschen, denen es um die Erhaltung der Natur geht. Seine Leidenschaft, sein Enthusiasmus, die nicht endenwollende Neugier sind vorbildlich, gerade in unserer Zeit, wo eine Art nach der anderen für immer von der Erde verschwindet.“

 Wie alle Propheten hatte auch Alfred Edmund Brehm einen schweren Stand, trotz oder gerade wegen seines immensen Publikumserfolges. Der Mann wurde sein Leben lang als Populärwissenschaftler diffamiert, seine Forscherkollegen ließen kein gutes Haar an ihm. „Als Mensch ist Brehm in mancherlei Hinsicht ein trauriger Fall,“ gesteht Willemsen. „Aber er hat sich zu keiner Zeit irritieren lassen. So hat er zum Beispiel immer darauf gedrungen, dass die Ausgaben illustriert wurden, er wollte immer die direkte Anschauung vermitteln.“

 Diesem Anliegen fühlte sich auch der Verlag und der Autor bei der Neufassung verpflichtet. „Als Illustrator haben wir den wunderbaren Klaus Ensikat gewinnen können,“ schwärmt Willemsen über den ungekrönten König der deutschen Buchillustratoren, der in der DDR eine Institution gewesen war. „Er hat das auf eine so mitfühlende Art gestaltet, dass man jedes Foto dafür wegschmeißen möchte. Ensikats Zeichnungen sind sensationell, sie entsprechen total der Brehmschen Prosa.“

 Roger Willemsen, der dem deutschen Fernsehen einige unvergessliche Glanzlichter aufgesetzt hat, gesteht, dass er von allem, was das Fernsehen heute zu bieten hat, am liebsten Tierdokumentationen sieht. Beim betrachten dieser Filme könnte er manchmal heulen vor Glück, sich aber auch schlapp lachen. Es ist die Unschuld der Tiere, die ihn das Mysterium der Schöpfung erahnen lässt.

 Mir fällt immer auf, dass ich in den Tierdokumentationen das nicht Dressierte suche. Das ist erfrischend, weil doch die gesamte Fernsehwelt inzwischen dressiert ist, alle Moderatoren, alle Gäste... Bei den Tieren denke ich immer, wo geht der Pinguin jetzt hin? Links oder rechts? Oder taucht er ab?“

Willemsen ist nicht abgetaucht. Er hat sich eine feine Arbeit gegönnt, die einen großen Klassiker für viele Menschen wieder zugänglich macht.

Diese Rezension erschien im Hamburger Abendblatt

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