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Jürgen Flimm

Hojotoho! Am 26. Juli hebt sich in Bayreuth der Vorhang zu den 90. Richard-Wagner-Festspielen. Dann stellt Regisseur Jürgen Flimm zum zweitenmal in Folge seinen "Ring der Nibelungen" auf den Prüfstand einer Fangemeinde, die in ihrem Fanatismus eher einem Geheimbund als einer Schar von Musikliebhabern ähnelt. "Für den echten Wagnerianer", sagt Flimm lächelnd, "ist Mozart Kirmesmusik".

Wir sitzen oberhalb des Festspielhauses auf einer Bank und blicken über sanft abfallende Wiesen und Kornfelder, die sich vom Waldrand aus in Bewegung setzen und weit unterhalb des Grünen Hügels gegen den Stadtrand branden. Das Bild scheint der deutschen Romantik entsprungen, wären da nicht der Parkplatz und die Kondenzstreifen am Himmel. Gerade vier Wochen hatte Flimm Zeit, um seine "Ring"-Inszenierung, die im letzten Jahr zur Überraschung vieler Skeptiker enthusiastisch gefeiert wurde, zu renovieren. "Vier Wochen ist hart..." sagt er. Er breitet die Arme auf der Rückenlehne aus, geht ins Hohlkreuz und reckt den Kopf gen Himmel – Stretchingübung und Stoßgebet zugleich. Ich bin noch einmal mit einem guten Ergebnis davongekommen,  heißt das wohl.

Sicher war er nicht, konnte er auch nicht sein. Dazu waren die Voraussetzungen zu schlecht. Im Glaubenskrieg zwischen Wolfgang Wagner (81) und dem Stiftungsrat um die Nachfolge des greisen Festspielchefs und damit auch um die ideologische Ausrichtung der Veranstaltung, wurde Jürgen Flimms Vorjahresensemble förmlich zerrieben. Von der ursprünglichen Besetzung blieb auf Grund von Querelen mit Godfather Wagner gerade mal ein Drittel übrig. Weltstars wie Placido Domingo und Waltraud Meier erklärten aus voller Kehle, dass sie unter Wolfgang Wagner nicht mehr zur Verfügung stünden.

"Ich habe es aufgegeben, nach hinten zu schauen," sagt Flimm, "das bringt nichts. Es gibt eine neue Besetzung, davon sind einige sehr gut, von den anderen kann ich das gar nicht sagen, wir proben ja noch." Welchen Sinn hätte es, sich kurz vor der Premiere zu etwas zu äußern, das sowieso nicht beeinflussbar ist? Im übrigen sei er in seiner Arbeit von den dramaturgischen Erschütterungen der Bayreuth-Soap vollständig verschont geblieben. "Das hat unsere Arbeit nicht erreicht", versichert er.  

Er inhaliert das Aroma der frisch gemähten Wiese und schaut mich verschmitzt an. Sind die Änderungen am "Ring" gravierend dieses Jahr? Flimm nickt. "Das ist immer so", sagt er. "Man spürt, was man nicht hingekriegt hat, spätestens bei der Generalprobe. Ich weiß zwar nicht die Lösung, aber ich weiß genau, was nicht funktioniert. Wenn es dann ein bißchen liegt, beginnt es in einem zu gären. Dann kommt man im nächsten Jahr wieder und baut neue Streben ein. Ich habe bereits im September angefangen, meine Gedanken zu Papier zu bringen. Im November gab es dann ein erstes kreatives Treffen mit den Bayreuthern und einen Monat darauf waren schon die Techniker am Werk. Man kann sich in Bayreuth sehr viel vornehmen – um mal den positiven Aspekt zu erwähnen."

Wohin werden die Festspiele in Zukunft treiben? Wolfgang Wagners verhasste Tochter Eva Wagner-Pasquier, die vom Stiftungsrat als Nachfolgerin favorisiert wird, hat darüber nachgedacht, auch andere Komponisten in Bayreuth aufzuführen. Komponisten, die mit Richard Wagner in irgendeiner Weise verbunden sind. "Schwierig", sagt Flimm. "Ein Konzept ist natürlich nur so lange gut, wie es erfolgreich ist. Aber das Konzept der Wagner-Festspiele ist immer noch extrem erfolgreich. Wenn ich Professor für Marketing wäre, würde ich im ersten Semester nur über Bayreuth reden. Das Konzept des alten Richard ist schlichtweg genial. Rauszugehen aus den großen Zentren, aufs Land zu gehen, auf diesen Hügel, dort dieses Haus zu erbauen. Im Grunde ist das Bayreuther Festspielhaus das erste Musical-Theater der Welt. Errichtet, um ein bestimmtes Stück zu spielen."

Er wiegt den Kopf, als gebe er zu bedenken, dass man trotz aller Erneuerungsrufe nicht vergessen dürfe, mit welch ökonomischer Weitsicht das Unternehmen Bayreuth von Anfang an ausgestattet war. "Die haben das Prinzip der Marktverknappung total erkannt", sagt er. "Man verkauft nicht so viel, wie man kann – man verkauft so viel, wie man will. Dadurch wird das Produkt erheblich aufgewertet. Ich bin sicher, dass das Festspielhaus auch drei Wochen vor dem üblichen Start ausverkauft wäre und auch noch drei Wochen nach dem August, auf den man sich nun mal geeinigt hat. Wir spielen vier Wochen, mehr nicht. Das ist Bayreuth. Wenn man diesen Grundsatz in Frage stellt, könnte es sein, dass sich die Wagner-Festspiele anderen Festivals bis zur Unkenntlichkeit annähern." In Stratford käme doch auch niemand auf die Idee, neben Shakespeare einen Marlowe ins Programm zu heben.

Vor drei Jahren bin ich Jürgen Flimm schon einmal begegnet. Der Blick aus seiner Wohnung im Blankeneser Treppenviertel über die schmalen, abfallenden Gassen mit ihrem bunten Dächergewirr auf die breiteste Stelle des Elbstroms war wie geschaffen, um den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Trotzdem wirkte er damals müde und ausgebrannt. Es stand bereits fest, dass er das Hamburger Thalia-Theater, dem er in den fünfzehn Jahren seiner Intendanz zur Hochblüte verholfen hatte, abdanken würde. Ich erinnere mich, wie er sich scherzhaft darüber beklagte, dass die Theaterarbeit von allen Künsten die flüchtigste sei. "Schriftsteller haben es gut", hatte er gesagt, "die können irgendwann aufhören zu schreiben und auf die Bücher verweisen, die ihnen in den letzten Jahren aus der Feder geflossen sind. Ein Theatermann hat nichts Beweisbares in der Hand. Im Theater verwischen sich die Spuren. Mit Lebenswerk ist da nichts zu machen."

Er lacht, als ich ihm davon erzähle. "Oh nein, ich stelle es mir schrecklich vor, ein Schriftsteller zu sein", sagt er. "Die lesen ihr Buch nach einem Jahr noch einmal durch und müssen sich plötzlich fragen: Um Gottes Willen, was habe ich denn da geschrieben! Bei uns ist das fein, unser Ergebnis ist nicht endgültig, wir können es permanent verändern." Die Kehrtwendung seines Gemüts ist Ausdruck einer  Erleichterung, die er bereits vor seinem Hamburger Abschied herbeigesehnt hatte. "Ich freue mich darauf, wenn ich nur noch für mich verantwortlich bin", gestand er damals, "ich möchte nicht länger das Wohl einer ganzen Mannschaft im Auge behalten müssen. Ich möchte einfach etwas fundierter leben als bisher."

Natürlich geht er immer noch mit Wehmut am Thalia-Theater vorbei, wenn er in Hamburg ist, gesteht er. "Manchmal träume ich, ich stehe während der Vorstellung auf der Seitenbühne und schaue dem Treiben ohnmächtig zu. Ich vermisse auch viele Leute aus dem Haus, die ich seit Jahrzehnten gut kenne. Das ist, als hätte man sich ein neues Auto gekauft und das alte geht einem einfach nicht aus dem Kopf. Ich bin kein besonders guter Trenner. Ich habe es gerne nett und gerne lange nett...Trotzdem bin ich froh, dass ich nicht mehr jedes Jahr zur Behörde dackeln muß, mich mit dem Bürgermeister um Geld streiten muß und ähnliche Dinge mehr. Dass ich eine gewisse Trauer empfinde, ist eine ganz andere Sache."

Aus der Rolle des ewigen Bittstellers hätte sich Flimm nach dem Regierungswechsel schnell befreien können. Dem Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder galt der renommierte Theatermann als allererste Wahl für das neu zu schaffende Amt des Kulturministers. Flimm, der Schröder als kulturpolitischer Berater zur Seite stand und auf dessen Mist die Idee eines Kultusministers erst gewachsen war, lehnte ab, präsentierte aber eine Reihe anderer Kandidaten, von denen Michael Naumann schließlich zusagte. In die aktive Politik zu gehen war für Jürgen Flimm undenkbar. Ein Freigeist wie er ist in dieser Gesellschaft als kritischer Beobachter allemal besser aufgehoben, findet er.

Sie hören ja auch auf ihn, die Politiker, jedenfalls hören sie ihn an. "Ich habe dem Herrn Wowereit, als der noch Fraktionsvorsitzender war, gesagt: Euer Kulturetat ist so minimal, dass man sich wundern muß, welche Funken daraus schlagen. Eine Stadt wie Berlin, die endlich im Konzert der europäischen Metropolen mitspielen möchte, sollte sagen, an unserem Kulturetat wird nicht länger gerüttelt. Das mit den Museen und den Theatern wird jetzt auf Hochglanz poliert und wir sehen zu, dass nebenbei noch tausend Blumen blühen. Man muß in die Stadt kommen und sagen: Donnerwetter! Das kann man doch herbeiführen. In Paris hat man das verstanden, in London, Barcelona und Rom auch. Berlin hat als kulturelles Schwergewicht Europas alle Chancen. Es muß nur endlich den Stellenwert erkennen, den die Kultur im Wettstreit der Metropolen besitzt."

Jürgen Flimm zählt zu den wenigen Kulturschaffenden im Lande, die sich in und neben ihrer  künstlerischen Arbeit immer in die aktuelle gesellschaftspolitische Diskussion einzubringen versuchten. Unvergessen seine 1988 erteilte Absage  an den Flugzeugbauer Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB), der sich als Sponsor des Thalia-Theaters beworben und eine größere Summe für die laufende Spielzeit in Aussicht gestellt hatte. Der Konzern war in der Rüstung tätig, folgerichtig verzichtete Flimm auf den Geldregen.

Was sind heute die drei Themen, die die Republik seiner Meinung nach am meisten zu beschäftigen haben? "Die Biotechnologie", sagt er, "die Integration der PDS in unser Parteiensystem und die Vorgänge um den Verkauf der Leuna-Werke." Bei der Debatte um die Bio-Technologie fühle er sich überfordert. "Ich verstehe den Wunsch der Eltern nach einem gesunden Kind", sagt er. "Wenn die Gentechnik nachweisbare positive Wirkungen erzielt –  sagt man das dann ab, weil sie  auch negative Auswirkungen haben kann? Ich verweigere mir eine Meinung."

Ähnlich geht es ihm in der Diskussion um die PDS, deren zahlreiche Wähler man schlecht ausgrenzen könne, wenn man es ernst meint mit der Wiedervereinigung. "Andererseits ist die Nachfolgepartei der schrecklichen SED in Berlin natürlich janusköpfig. Die alten Kader sind nicht totzukriegen. Vielleicht sollte man gerade deswegen den fortschrittlichen Leuten in der Partei den Rücken stärken." Zum Leuna-Komplex falle ihm gar nichts ein. Höchstens dieses: Die Konsequenz, mit der sich die deutsche Staatsanwaltschaft vor Ermittlungen drücke, lege den Verdacht nahe, dass hier eine Zeitbombe tickt, die das Land auf ähnliche Weise erschüttern könne, wie es den USA durch Watergate geschehen sei.

"Ich werde übrigens nächste Woche 60", sagt er unvermittelt. "Ich erwähne das nur, falls Sie dazu Fragen haben." Hat Jürgen Flimm ein Problem damit, 60 zu werden? "Naja", antwortet er, während sich sein Gesicht zu einer einzigen Knautschzone verdichtet, "59 ist noch okay, 58 sowieso, aber die Zahl sechs ist schon hart, wenn sie an erster Stelle steht. Das ist Quatsch, ich weiß. Aber in dem Shakespearestück `Wie es euch gefällt` gibt es einen wunderbaren Satz. Da sagt der Jacques: `Wir reifen, wir reifen! Wir faulen, wir faulen!` Irgendwann fällt der Apfel vom Baum. Batsch! Dann ist es vorbei."

Die Gewißheit, dass es gleich vorbei sein kann, hat ihn bereits vor zwei Jahren gestreift. "Ich stand morgens auf und lief gegen die Wand. Bumm. Dann haben sie mich in eine Röhre gesteckt und festgestellt, dass ich einen Schlaganfall hatte. Seitdem zittere ich davor, dass mir das noch einmal passiert." Seitdem nimmt er die Streßfaktoren, die mit seiner Arbeit einhergehen, genau ins Visier. Er fährt Fahrrad, ernährt sich fettarm und hat sich der Fraktion jener Raucher zugesellt, die nicht rauchen. Bei den Proben sieht man ihn heftig in Äpfel beißen.

"Wann geht Ihr Zug?" fragt Jürgen Flimm, als sich die verabredete Gesprächszeit dem Ende zuneigt. In anderthalb Stunden. "Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas Wunderbares". Wir steigen in seinen Audi A 8, der ihm von der Festivalleitung zur Verfügung gestellt wurde und trudeln gemächlich den Hügel hinunter in die Stadt. Ziel ist das Markgräfliche Opernhaus, das 1747 nach den Plänen Giuseppe Galli Bibienas errichtet wurde, dem bedeutendsten Theaterarchitekten seiner Zeit. Die Dame an der Kasse erkennt den Regisseur des "Ring" und so dürfen wir das barocke Goldgewitter des Logenhauses in aller Ruhe auf uns wirken lassen.

Jürgen Flimm saugt die Atmosphäre des Hauses schweigend ein, als atme er durch die Jahrhunderte. Als wir gehen, bittet ihn die Dame an der Kasse um einen Eintrag ins Gästebuch. "Hojotohoh!" schrieb er, "Jürgen Flimm.."

Der Artikel erschien in der WELT

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