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Jobst Plog

NDR-Intendant - arte-Intendant

Jobst Plog ist ein Mann mit Visionen. Wenn er aus seinem Fenster auf das verschachtelte Gebäudeensemble seiner Anstalt blickt, das zwischen den alten Bäumen zwischen Rothenbaumchaussee und Mittelweg über die Jahre willkürlich gewachsen ist, reichen ihm ein paar gedankliche Korrekturen, um sich einen prächtigen Park vorzustellen, den man sogar der Öffentlichkeit zugänglich machen könnte. Die Garagen müssten halt weg und einige andere Bausünden. Aber Plog ist auch Realist, er weiß natürlich, dass es nie soweit kommen wird. Und so wird er sich weiterhin an dem „charmanten Dorfcharakter“ ergötzen, den er vor seiner Nase auszumachen glaubt.

In seinem Büro lässt es sich aushalten. Es ist sparsam eingerichtet: ein Schreibtisch, ein Konferenztisch, eine Sitzecke für Gäste. An den Wänden hängen sich zwei großformatige, auf lockerem Tuch gemalte Bilder des französischen Künstlers Viallat gegenüber, deren farbenfrohe Ornamente dem nüchternen Raum Wärme verleihen. Über der Sitzecke prangt ein Stich der Stadt Avignon aus dem Jahre 1782. „Dort hing bis vor kurzem das Bild ‘Regen über der Förde’, ein wunderschöner Heckel“, sagt der Hausherr. Aber Regen gibt es in Norddeutschland zur Genüge, also musste Heckel weichen. Sur le pont d`Avignon... Auch das ist für ihn ein Stück Heimat.

Frankreich ist für Jobst Plog kein Ausweichquartier wie die Toskana, wo man kurzfristig die Seele baumeln lässt, Frankreich ist das Land, in dem sein Alter Ego bedient wird. Seine Wurzeln, gesteht er, liegen sowohl hier als auch dort. „Ich komme aus einer norddeutschen, protestantischen Familie, ich bin liberal-konservativ erzogen, durchaus mit langer Leine, aber immer mit der Ernsthaftigkeit, die dieses Milieu vermittelt. Frankreich ist die etwas lustvollere Variante des Lebens. Dort ist nicht das Auto, was zählt, sondern der Wein, der auf den Tisch kommt. Ich lebe gewissermaßen zwischen diesen beiden Modellen, das ist spannend.“

Seit dem 1. Januar ist der ARD-Gewaltige auch noch Nachfolger von Jérome Clément als Präsident des deutsch-französischen Kulturkanals arte. Könnte man sich einen Besseren in dieser Position wünschen? Wohl kaum. Plog weiß um die deutsch-französischen Diskrepanzen, die trotz aller politischen Annäherung noch immer bestehen. „Diese beiden großen Kulturnationen Europas wissen herzlich wenig voneinander“, konstatiert er nüchtern. „Deutschland und Frankreich sind Nachbarländer, die sich wechselseitig versichern, wie gerne sie sich mögen. Aber der Wunsch, sich auszutauschen, ist relativ gering. Wir kennen Frankreich als Urlaubsland, wir kennen seine Küche, seine Mode. Das sind Klischees. Die Franzosen wiederum halten uns für besonders effizient, von unserer Kultur aber haben sie wenig Ahnung. Dabei sind wir so unstrittig eine Kulturnation wie sie.“

Jobst Plog, das kann man allen seinen Äußerungen zu Europa entnehmen, ist in Sorge, dass das kulturelle Erbe unseres so vielschichtigen Kontinents im Zuge der Amerikanisierung, die das globale Dorf Erde schleift, auf der Strecke bleiben könnte, bevor wir Europäer uns dieses Erbes überhaupt bewusst sind. Deshalb rechnet er es den Franzosen hoch an, dass sie sich im Zuge des GATT-Abkommens vehement für die europäischen Kulturinteressen eingesetzt haben. „In Deutschland hat sich keine politische Kraft gefunden, die diese Art von Identität bewahren wollte“, sagt er und verweist darauf, dass es in den Bereichen Film und Fernsehen inzwischen eine Art Einbahnstraße von Amerika nach Europa gebe.

Er war mit seinem Sohn vor Jahren in San Francisco. ‘Papa’, habe dieser gesagt, ‘dies ist doch die Stelle, wo die Autos immer so einen Satz machen.’ „Das erinnerte er aus der Fernsehserie ‘Die Straßen von San Francisco’. Zu der Zeit war er aber noch nicht in München und schon gar nicht in Paris gewesen...“ Kinder, so Plog, träumen gerne und ihre Träume werden durch Bilder inspiriert. Der ungeheure Ausstoß an amerikanischen Bildern führe zu einer anderen ästhetischen Wahrnehmung. So habe die „Trashkultur“ der Bronx mit ihren Maschendrahtzäunen und überquellenden Mülltonnen überall auf der Welt  Maßstäbe gesetzt, mit denen nur schwer aufzuräumen sei. Den Untergang des Abendlandes bedeute dies jedoch noch lange nicht. „Bei Fernsehspielen und Krimis können wir inzwischen sagen, dass das in Deutschland hergestellte Produkt durchweg erfolgreicher ist, als die amerikanische Konkurrenz. Auch die Privaten gehen mehr und mehr auf deutsche Produzenten zu.“

Die meisten der Formate, auf die unser Fernsehen heute zurückgreift, sind in Amerika erfunden worden. Von der Talkshow bis zur Daily Soap. „Auch die industrielle Fertigung dieser Unterhaltungsware hat dort ihren Ursprung“, fügt Plog hinzu. „Ein Verfahren, das angesichts der Mengen, die von den verschiedensten Kanälen verschlungen werden, unabdingbar ist.“ Das, so gesteht er, werde in Amerika perfekt betrieben: technisch, handwerklich, inhaltlich.

Nun ist das US-Fernsehen längst zu einem Medium verkommen, das in allen Sparten auf billigstem Niveau um Einschaltquoten buhlt, das zudem derart mit Werbung durchsetzt ist, dass man die Programmpunkte kaum noch auszumachen vermag. Es gibt genügend soziologische Studien, die angesichts der Dauerberieselung aus dem Fernseher einen dramatischen Verfall der familiären Kommunikationskultur konstatieren. Plog kennt diese Untersuchungen. „Falls das Fernsehen dazu führt, dass die Schreib- Rede- und Lesekultur der Oberschicht vorbehalten bleibt, dann wäre das eine furchtbare Entwicklung, wenn man bedenkt, dass wir jahrhundertlang versucht haben, die Klassenunterschiede aufzuheben.“ Das klingt, als werfe der Zauberlehrling das Handtuch. Tut er aber nicht. Jobst Plog ist Pragmatiker. „Das Fernsehen kann nicht erziehen“, sagt er, „es kann lediglich anbieten. Wir müssen uns damit abfinden, dass der Zuschauer eine Fernbedienung hat. Wenn er einem Kulturangebot begegnet, ist er tendenziell dabei, es zu umschiffen - weil er müde ist, weil er sich unterhalten will, weil er woanders lauter angesprochen wird.“

Diese Mechanismen haben die Dinos ARD und ZDF schmerzlich in Erfahrung bringen müssen, als die Privaten auf den Plan traten. Plog: „Damals hieß es, die Saurier sterben aus. Und in der Tat mussten wir unseren Vitalitätswillen erst wieder wecken. Wir haben gesagt: wir treten an, wir werden überleben, aber dafür brauchen wir Einschaltquoten. Plötzlich haben wir eine Diskussion um Quantität führen müssen, sie war die einzige Währung damals. Erinnern Sie sich daran, mit welchen Produkten RTL zum Marktführer wurde, wie schnell Herr Thoma die herausragende Medienfigur in Deutschland geworden ist. Das hat der Bild-Chefredakteur bis heute nicht geschafft. Erst jetzt ist diese Faszination gebrochen. Weil wir mit derselben Währung wie die Privaten angetreten sind. Ohne ein attraktives Produkt für die Massen kann man die Verpflichtung nicht aufrecht erhalten, dass jeder, der ein Gerät hat, Gebühren zahlt. Das ist deprimierend, aber es ist die Realität.“

Musikantenstadel rauf und runter – aus diesem inhaltlichen Jammertal, da ist Plog sicher, sei man inzwischen heraus. „Jetzt ist es an der Zeit, dass wir die Qualitätsdebatte wieder neu zunehmen – und nicht nur wir, alle Medien. Das Publikum fühlt sich schon gelegentlich unterfordert. Die Menschen haben wieder Hunger nach Qualität, keine Frage. Die Literaturverfilmung von Strittmatters ‘Der Laden’ lief um 21 Uhr in der ARD und hatte hervorragende Ergebnisse.“ Im Rückblick sieht Plog in der Medienrevolution nicht nur Nachteile. Zwar habe man das Niveau der Öffentlich-Rechtlichen populär ausrichten müssen, „aber wir sind heute zumindest ein großes Stück von missionarischen Ansprüchen entfernt.“ Ein weiteres Plus, das in der Konkurrenzsituation mit den Privaten steckt, sieht er darin, dass der NDR, wie andere öffentlich-rechtliche Anstalten auch, inzwischen von der neurotischen Aufmerksamkeit der Politik verschont bleibe. „Diesen Befreiungsschlag hätte man ohne Konkurrenz nicht hingekriegt. Es ist entspannend, wenn man eine Wahl wie in Niedersachsen hat, bei der Herr Schröder der überragende Wahlsieger ist und die Opposition kommt zu keinem Zeitpunkt auf die Idee, dass dies am NDR gelegen hat.“

Wenn Jobst Plog sagt, dass die Qualitätsdebatte in den Medien neu aufgenommen werden müsse, dann vergisst er natürlich nicht, dass der gute Wille allein die Marktgesetze nicht außer Kraft setzt. „Die große Quote ist nur mit einem Abstrich an Differenziertheit und Seriosität zu erreichen“, gibt er zu. Der Konkurrenzkampf hat inzwischen sogar die Nachrichtensendungen als die letzten Bastionen der Glaubwürdigkeit unterhöhlt. „Wir stürzen uns immer schneller, immer vordergründiger auf etwas, was dann nicht mehr diskutiert werden kann“, sagt Plog. „Jede politische Äußerung wird medienmäßig so verwertet, da sie kaum eine Chance hat, im öffentlichen Diskurs zu wachsen.“ Er nennt die jüngsten Überlegungen von Arbeitsminister Riester zur Netto-Rente, die in ihrer Komplexität nicht mehr verständlich werden konnten, nachdem sie einmal plakativ benannt wurden.

Vielleicht, und das mag Jobst Plog gelegentlich trösten, wird die Macht der Medien gnadenlos überschätzt. Sie sind nun einmal eingegangen in die Unterhaltungsindustrie. Sie bedienen eine Gesellschaft, die sich an die Wucht der Informationen gewöhnt hat und möglichst ungeschoren mit ihnen ungehen will. Wie kann man vor diesem Hintergrund noch klassischen Journalismus betreiben? Plog lächelt. „Sehen Sie, es gibt doch eine ganze Reihe von Produkten, vor allem im Printbereich, die dem populistischen Trend nicht folgen und die trotzdem ihr Publikum finden. Auch im Fernsehen gibt es Minderheitenangebote von beachtlicher Qualität. arte und 3 Sat sind ja fast artifiziell gegen den Trend gemacht.“

Unsere Mediengesellschaft hat ihre unbestreitbaren Tücken. Die Folien zwischen der vermittelten und der wahrgenommenen Realität sind für die meisten Menschen längst nicht mehr  deckungsgleich. Plog plädiert deshalb für eine Medienerziehung an den Schulen. „Den Umgang mit Medien muss man üben“, sagt er. Was muss man üben? Den kollabierenden Wahnsinn, der uns per Mausklick zum Voyeur einer anonymen Mädchen-Kommune macht, die uns mit installierten Kameras Einblicke in ihr Leben gestattet, und sei es auf der Toilette? „Ich glaube schon, dass es Leute gibt, die diese Technik so nutzen werden“, sagt Plog. „Aber unsere Aufgabe besteht darin, solchen Vereinzelungstendenzen entgegenzuwirken. Nennen wir es Integrationsfernsehen. Dies ist ein Fernsehen, dass einen relevanten Teil der Bevölkerung mit Informationen versorgt, die für die gesamte Gesellschaft von Bedeutung sind. Das meiste, was an Interaktivität in Zukunft angeboten wird, wird auf der Strecke bleiben. Denken Sie an den Videorecorder: 95 Prozent der Bundesbürger haben ihn – und von denen wissen 90 Prozent nicht, wie man ihn bedient....“

Jobst Plog ist in einem Metier tätig, das sich in seinem Selbstverständnis wie kaum ein anderes überprüfen musste während der letzten zehn Jahre. Vielleicht ist es genau diese Erfahrung, die ihn an Konzepten festhalten lässt, welche eine Art Grundvertrauen in die Bedürfnisse des Konsumenten voraussetzt. Sein Programm: Gute Unterhaltung, seriöse Informationen. Was will der Mensch mehr? Wenn wir uns erst einmal an die mediale Marktschreierei gewöhnt haben, werden wir schon in der Lage sein, die richtige Wahl zu treffen. Für irgendetwas muss der Intendant ja stehen. Dafür sorgt schon der norddeutsche Protestant in ihm. Das Gläschen Wein leeren wir dann bei jeder überraschenden Quote mit Freuden....

Das Porträt erschien in der WELT

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