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Heiner Lauterbach

Die Fahrt vom Münchner Flughafen in die City dauert so lange wie der Flug ins Erdinger Moos. Der Taxifahrer quält sich hinter einem Viehtransporter durch den obligatorischen Stau. Ich benutze die Gelegenheit, um ein ziemlich deprimierendes Buch zu Ende zu lesen: "Ausweitung der Kampfzone" von Michel Houellebecq. Der Autor wird von den Feuilletons gerade als literarischer Heilsbringer gefeiert. Sein Roman schließt mit den Worten: "Ich spüre meine Haut wie eine Grenze; die Außenwelt ist das, was mich zermalmt. Heilloses Gefühl der Trennung; von nun an bin ich ein Gefangener in mir selbst. Die sublime Verschmelzung wird nicht stattfinden; das Lebensziel ist verfehlt. Es ist zwei Uhr nachmittags."

Es ist elf Uhr vormittags, als ich den Drehort erreiche. Fotograf Stefan Beets ist schon da. Das Haus in der Ismaninger Straße 68 wird gerade mit Kabeln, Kameras und Scheinwerfern gestopft. Heiner Lauterbach, so erfahren wir, wartet um die Ecke in einem Wohnmobil auf seinen Einsatz. Ein junges Mädchen bringt uns hin. An der Tür die Initialen H.L. Sie steckt den Kopf hinein und bittet uns um zehn Minuten Geduld, da Herr Lauterbach gerade mit der Gala spreche, danach stünde er aber zur Verfügung. Seine Agentur hatte uns vorher mitgeteilt, dass er uns nur in den Drehpausen empfangen will. In seiner Privatzeit gebe er keine Interviews. Wir warten artig unter einem tropfenden Baum.

Nach einer Viertelstunde öffnet sich die Tür des Wohnmobils, wir dürfen eintreten. Lauterbach entschuldigt die Verzögerung, aber der Promotionaufwand, den er vor der Ausstrahlung des ARD-Zweiteilers "Der Verleger" zu leisten habe, sei enorm. Gesternnacht noch war er bei Biolek in Köln, seitdem habe er gerade drei Stunden geschlafen. Dafür sieht er erstaunlich frisch aus, abgesehen von den leicht getrübten Augen. Ist er laut Vertrag verpflichtet, ein gewisses Pensum an Öffentlichkeitsarbeit auf sich zu nehmen? "In den Verträgen steht, dass man zu Promotionzwecken zur Verfügung stehen soll", sagt er und füllt den Pappbecher mit Rotwein, "Jetzt kann ich natürlich sagen, ich habe zu all diesen Terminen keine Zeit, niemand könnte mir einen Strick daraus drehen. Aber am `Verleger` liegt mir viel. Ich glaube, dass der Film sehr gut geworden ist."

Die Rolle des Axel Cäsar Springer war die größte Herausforderung in seiner bisherigen Karriere. Lauterbach verkörpert den Hamburger Zeitungszaren über vier Jahrzehnte hinweg. Vier verschiedene Toupets wurden geknüpft, 24 Maßanzüge geschneidert. Fünf Stunden saß er zum Schluß täglich in der Maske, bevor er den 68jährigen Verleger geben konnte. Produzentin Regina Ziegler bezeichnet Lauterbach schlicht als Glücksfall. Kein Journalist wollte ihr nach der ersten Pressevorführung des Streifens widersprechen.

Der Film, laut NDR kein Doku-Drama, sondern ein reiner Unterhaltungsfilm mit "vielen Freunden, vielen Feinden, viel Glück, viel Unglück", beginnt unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, als der junge Springer mit der "Hörzu" seinen ersten Erfolg erzielte. Er endet 1980 fünf Jahre vor seinem Tod mit dem Selbstmord seines Sohnes, der den Vater als gebrochenen Mann hinterließ. Fünf Ehen, zahllose Geliebte, Springers unbeirrter Kampf für die deutsche Wiedervereinigung, der ihm den Spott seiner Gegner einbrachte ("Der Brandenburger Tor"), sein vehementes Eintreten für eine Aussöhnung mit den Juden, sein Hang zu Mystik und Astrologie, seine Frömmigkeit, seine Depression – das hat fürwahr Filmqualität.

"Axel Springer verkörpert vieles, was ich gut leiden mag", sagte Lauterbach dem Spiegel, "Springer war Patriot, er wollte Unrecht wieder gutmachen, und er hatte mehr als zwei Freundinnen – so wie ich." Ein Bote bittet ihn an den Set. Heiner Lauterbach war gerade 16 Jahre alt, als Berlins Studenten auf dem Kudamm vor den Wasserwerfern der Polizei "Enteignet Springer!" skandierten. Damals las der Klempnerlehrling aus Köln beim Frühstück in der Bild-Zeitung von einer "kleinen, radikalen Minderheit", die die Frontstadt in Angst und Schrecken versetzte. Sonderlich beeindruckt hatte ihn das nicht, der Sportteil war ihm wichtiger.

Lauterbach war gegen die Empörung der 68er gefeit – durch die Gnade der späten Geburt. Nicht umsonst rekrutierte die spätere Spaßgesellschaft ihre ersten Protagonisten aus seiner Generation  Mit der Privatisierung des Fernsehens brachen auch in Deutschland die Dämme des Privaten. Quasi über Nacht gewöhnten wir uns an den aufgeregten Exibitionismus neuer Formate. Inzwischen sind wir ein Volk von Voyeuren geworden, das ein Recht zu haben glaubt auf eine tägliche Injektion Glamour und Tratsch. Heiner Lauterbach ist in dieser Melange eine feste Größe, wie Verona Feldbusch, Dieter Bohlen oder Naddel.

Das gesellschaftliche Parkett, auf dem man sich kostenlos aber gewinnbringend in Szene setzen oder nach Belieben ausrutschen konnte, mußte den jungen Schauspieler reizen. War er nicht von seinem Talent überzeugt? Und war er nicht jung? Er hatte ein Recht, auf die Kacke zu hauen. Die Amis hatten damit kein Problem, die schätzten geniale Knallchargen wie Mickey Rourke, die sich einen Dreck um irgendetwas scherten.

Heiner Lauterbach kehrt zurück. Er bringt zwei Schachteln Zigaretten mit. Ein kaum merkliches Lächeln spielt um seinen Mund, als könne er meine Gedanken lesen. Was ist so reizvoll daran, sich permanent zum Gesprächsthema zu machen, frage ich ihn. "Meinen Sie die Macho-Kiste? Die ist so unverrückbar wie der Kölner Dom", antwortet er. "Der ganze Trubel begann mit dem Film `Männer`. Damals hatte ich mich blauäugig dafür entschieden, mein Herz auf der Zunge zu tragen, ein bißchen Aufrichtigkeit an den Tag zu legen, auch im Umgang mit Journalisten. Das würde ich heute anders handhaben. Aber jetzt liegt das Kind im Brunnen, jetzt kann ich auch so weitermachen."

Seine Frau Viktoria ruft an, wir werden später miteinander essen gehen. Warum hat er seine Hochzeit vermarktet, warum dieser grobe Klotz aufs junge Glück? "Wir stehen damit ja nicht allein auf weiter Flur", verteidigt er sich. "Die norwegische Hochzeit war auch nicht sehr intim..." Das war eine Prinzenhochzeit! werfe ich ein. "Entschuldige mal", wehrt er ab, "Hochzeit ist Hochzeit!" Meint er das ernst? Scheint so. "Wir hatten diese klassischen drei Möglichkeiten", fährt er fort. "Las Vegas haben wir ausgeschlossen. Die zweite Möglichkeit wäre eine Hochzeit im kleinsten Kreise gewesen. Aber dann hätten uns garantiert Paparazzi aufgelauert und die Fotos teuer verkauft. Da haben wir uns lieber selbst für möglichst viel Geld verkauft. Das Ergebnis war ein kostenloses, rauschendes Fest."

Er steckt sich eine weitere Zigarette an. Vor nicht allzu langer Zeit erfuhr die Nation von seinem Herzkollaps und sorgte sich zutiefst. Welche Lehre hat er aus dem Keulenschlag gezogen? "Der Keulenschlag wurde ja nicht von den bösen Feinden Alkohol und Nikotin verursacht, sondern von einem Virus. Meine Herzkranzgefäße sind in Ordnung, meine Leberwerte jungfräulich. Ich hatte keinen Anlaß über meinen Lebenswandel nachzudenken."

Die Intensität, mit der Heiner Lauterbach Heiner Lauterbach spielt, ist das eigentliche Merkmal dieses Mannes. Was liegt näher, als sein Alter ego auf eine permanente Vergnügungsreise zu schicken, wenn man den Hunger nach Sinnlichkeit stillen muß, die in der knüppelharten Disziplin seines Jobs zu häufig auf der Strecke bleibt. Eine Frage der Balance sei das, sagt er, mehr nicht. Heiner Lauterbach ist einer der meistbeschäftigten deutschen Schauspieler. Neben seiner filmischen Tätigkeit spielt er Theater, synchronisiert, nimmt  Hörspiele auf. "Ich schöpfe das ganze Programm ab, ich will einfach nicht, dass es langweilig wird."

Die meisten Protagonisten der Spaßgesellschaft verbrauchen sich im Medienzirkus schneller, als betagte AKW-Gegner während ihres langen Marsches durch die Institutionen. Auch Lauterbach spürt erste Zerschleißerscheinungen. "Ich merke, dass ich älter werde, psychisch wie physisch. In vielen Dingen tritt so etwas wie eine Interessenverlagerung ein. Das ist ein ganz organischer Prozeß. Ich bin nicht umsonst aufs Land gezogen."

Es klopft an der Tür, seine Frau ist da. Ein Fahrer vom Filmteam fährt uns zu einem Sushi-Restaurant am Isartor. Als ihr Mann sich die Hände waschen geht, erzählt Viktoria, wie sehr sie seine Disziplin bewundere. Nie würde er Probleme von der Arbeit mit nach Hause tragen. "Manchmal steht er mitten in der Nacht auf und schreibt mir ein Gedicht", sagt sie, "oder er macht Musik. Er kann auch sehr schön malen..." Heiner Lauternach kehrt zurück und fährt ihr mit der Hand zärtlich  durchs Haar, während er sich setzt.

Was hat er von den zahlreichen Frauen in seinem Leben gelernt ? "Da würde ich mal mit meiner Mutter anfangen", sagt er. "Von der habe ich fast alles gelernt: essen, sprechen, zuhören, malen..." Er nimmt Viktorias Hand. "Sie hat mir sogar  beigebracht, wie man lieb zu Frauen ist", sagt er und lacht. "Im Ernst: ich finde, wir bräuchten viel mehr Frauen in der Politik. Bei den meisten Politikern habe ich das Gefühl, die sitzen vor ihrem Militärapparat wie Kleinkinder, denen man verboten hat, mit der Eisenbahn zu spielen. Frauen sind pazifistischer, unagressiver. Aber wenn man dann so eine wie die Thatcher sieht... "

Er greift zu den Stäbchen, die er virtuos zu handhaben weiß. Wir widmen uns dem Essen, ohne ein einziges Wort zu wechseln. Ich könnte ihm Fragen stellen, er ist darauf vorbereitet, dies ist ein Pressetermin. Aber seine Antworten werden nicht sehr erhellend sein, dies ist ein Pressetermin... Das Schweigen stört uns nicht im Geringsten, auch Viktoria nicht. Im Gegenteil, es verströmt eine angenehme Ruhe, in der sich die Erschöpfung meines Gegenübers auf eine Art widerspiegelt, die sein sensibles Potential plastischer werden läßt als alle Verlautbarungen, die über ihn in Umlauf sind.

Nach dem Mahl legen wir uns ein heißes Tuch auf die Stirn. Guter japanischer Brauch. Die Lauterbachs wollen noch Möbel kaufen, bevor es wieder an den Set geht. Wird er irgendwann seine Biographie schreiben? "Ich wüßte schon einen Titel", sagt er und grinst: "`Nichts als die Wahrheit`. Das beeinhaltet natürlich, dass man die Wahrheit sagen muß. Und dies wiederum bedeutet, dass man den Beruf an den Nagel hängen kann, weil man vermutlich von keinem Menschen mehr besetzt werden würde. Nestbeschmutzung wird nicht verziehen. Mit so etwas muß man sich Zeit lassen bis alles in trocknen Tüchern ist, bis man nicht mehr auf die Film- und Fernsehbranche angewiesen ist. Aber es wäre schon interessant, die Wahrheit über unser Gewerbe ans Tageslicht zu bringen."

Er spricht bewußt in der dritten Person. Ein Rebell ist Heiner Lauterbach nicht, nie gewesen. Er könnte ihn spielen, den Rebellen, besser als andere. Er könnte jeden spielen, der das Gewicht der Welt auf sich geaden hat – Revolutionäre, Philosophen, Verleger. Privat aber ist er ein Produkt der Lenor-Gesellschaft: kuschelweich in jeder Attitüde. Aber auch für ihn gilt die Unschuldsvermutung aller Künstler: man muß das Werk vom Menschen trennen. Heiner  Lauterbach ist ein bemerkenswerter Mime, er kann sich inzwischen aussuchen, mit wem er arbeitet. Gerade hat er ein Angebot von Nicolas Gessner bekommen, dem Regisseur von "Das Mädchen am Ende der Straße" mit Jodie Foster in der Hauptrolle. Würde mit seinem Namen auch mal einem unbekannten jungen Regisseur auf die Sprünge helfen?

"Ich hab das mehrmals gemacht", sagt er, "ich hab wochenlang umsonst gearbeitet und meine eigenen Diäten noch mitgebracht. Damit ist für mich das Soll an sozialer Verantwortung erfüllt. Seit geraumer Zeit denke ich nur noch ans Geldverdienen. Als Schauspieler bin ich ein Einmannbetrieb. Wenn mir morgen etwas passiert, dann muß ich von dem leben, was ich mir bis dato erspart habe." Herr Kaiser, übernehmen Sie...

Mein Haus, mein Boot, mein Weib. Ein zorniger junger Mann aus Deutschland, der auf die Frage, welchen Fehler er sich am ehesten verzeihe, einmal geantwortet hatte: "Zu große Lebenslust", der es in Bars, am Boxring und im Bett gerne "krachen" ließ, kommt in die Jahre und klopft in aller Ruhe die Pflöcke seines Gartenzauns fest. Verständlich ist das schon, denn wer träumte im Trubel der weltpolitischen Ereignisse heute nicht von Heinerles Mondfahrt?

Der Artikel erschien in der Berliner Morgenpost

Zwei Hambürger

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