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Amar G. Bose

Der gute Ton

Framingham, Massachusetts. Hifi-Fans aus aller Welt klingeln bei der Erwähnung dieses stillen Örtchens 30 Meilen westlich von Boston die Ohren. Für sie ist die gesichtslose Ansammlung von Häusern, die sich dort unter unseren Füßen in in der Senke ausbreitet, der Inbegriff des guten Tons, das „Ohr zur Welt“. Amerikanischen Sound-Freaks reicht gar die Bezeichnung „The Mountain“, um in Verzückung zu geraten. So nämlich lautet die offizielle Postadresse der Bose Corporation. „Dieser Hügel hieß schon so, bevor wir uns hier niederließen“, sagt Amar G-Bose. Das Schmunzeln des Mannes, der in seiner Branche wie ein Guru verehrt wird, verrät, daß er die Adresse durchaus für angemessen hält. Er fand sie vor, er brauchte sie nicht einmal zu erfinden – das ist es, was ihn freut.

Wir stehen schweigend an der Fensterfront seines Büros. Bevor die Situation zur Andacht eskaliert, bricht mein Gastgeber in ein kindliches Lachen aus, das ich noch öfter von ihm hören sollte. „Als ich dreizehn war, begann ich Radios zu reparieren“, sagt er, „nachts und am Wochen-ende. Ich konnte damals alles reparieren, aber ich konnte es nicht entwickeln. Das hat mich gewurmt. Ich wollte dieses Fach unbedingt studieren. Mit 19 wußte ich schon, daß ich irgendwann eine eigene Firma haben würde, es war, als hätte man mir eine Aufsicht auf mein Leben gestattet. Mit 32 sagte ich mir, mein Gott, du weißt, daß du eine Firma haben wirst, aber du hast bis jetzt nichts dafür getan! Ich mußte förmlich in dieses Business hineingeschupst werden. Es war mein chinesicher Professor am MIT, der mir riet, mich selbstständig zu machen. Ich bin ihm sehr dankbar.“

Dankbarkeit ist ein Lieblingswort des Amar G. Bose, den das Forbes Magazin zu den reichsten vierhundert Männern Amerikas zählt. Der Sohn indischer Einwanderer hat ein Gesicht, das einem vorkommt, wie eine längst vertraute Landschaft. Vermutlich liegt es daran, daß Erfolg auch beseelt und das indisch geprägte Physiognomien dieser stillen Freude einen besonderen Glanz verleihen. „Leben ist Energie“, sagt Bose, „und Energie bedeutet Schwingung, also Klang.“ Im Grunde täte er nichts lieber, als die Urmelodie des Lebens hörbar zu machen. Ein aussichtsloses Unterfangen, sicher, aber wozu hat der Mensch Träume? Nur mit ihnen ist die Festung Realität zu knacken.

Der Mann ist siebzig – so what. Wir alle werden durch die Zeit gereicht. Aber wer wie Bose daran glaubt, daß Jugendlichkeit und Kreativität keinem Verfallsdatum unterliegen, hat kein Problem damit. Das wahre Alter läßt sich nicht in Zahlen messen, es hat zu tun mit dem Grad an energetischer Kompression, die uns antreibt. Sie ist es, die darüber entscheidet, was alles in ein Leben paßt. Das Leben des Amar G. Bose hatte immerhin Platz für den Aufbau eines Imperiums, das sich mit 5000 Angestellten zur weltweit feinsten Adresse der Hifi-Branche gemausert hat.

„Ich verfüge über eine gute Grundausstattung, ich war bereits als Kind mit einer gesunden Neugierde ausgestattet“, sagt er, „ich bin in viele Dinge verwickelt, Musik ist nur ein Aspekt.“ Wir verlassen den gläsernen Verwaltungspalast und wechseln hinüber in den flachen Pavillonbereich, in dem umgesetzt wird, was er von Anbeginn zur Firmenphilosophie erhoben hat: „Better Sound Through Research“ („Forschung sorgt für den besseren Klang“). Die Losung findet sich überall auf dem Gelände, selbst die firmeneigenen Shuttlebusse, die zwischen den Labortrakten im Tal und dem Hauptgebäude verkehren, fahren sie spazieren. Irgendetwas im Bose-Reich erinnert den unbedarften deutschen Besucher fatal an die „Schöne neue Welt“ des Aldous Huxley. Vielleicht liegt es daran, daß deutsche Firmen keine ideologischen Netze über ihre Mitarbeiter auswerfen, daß unsere Betriebe nicht danach streben, sich in den Stand einer Ersatzfamilie zu bringen.

Ein solcher Zusammenhalt muß nicht künstlich erzwungen sein. Das wird mir klar, als ich an der Seite Amar G. Boses durch die Flure seiner Firma schreite. Uns begegnet kein einziger Angestellter, der sich vor dem Chef devot verbiegt. Mein Gastgeber zeigt mir die Patente, die er in seinen frühen Jahren eingereicht hat und die damals niemanden interesierten. Mehr als hundert sind es, die er sich sorgsam hat rahmen und an die Wand hängen lassen. Sie stammen aus den späten fünfziger Jahren, als Bose am weltberühmten MIT (Massachusetts Institute of Technology) an einem Forschungsprogramm über physikalische Akustik und Psychoakustik arbeitete. 1956, so erzählt er, habe er seine erste Hifi-Anlage gekauft. Damals spielte er Violine und er war entsetzt über die Wahrnehmungs-lücke zwischen Originalton und technischer Wiedergabe. „Das elektronische Equipment kennt keinen Unterschied zwischen Lärm und Musik“ sagt er, „es geht lediglich darum, ein geräusch so originalgetreu wie möglich zu reproduzieren. Ich fühlte mich schlagartig herausgefordert.“

Er öffnet die Tür zu einem kleinen Vorführraum, in dem nichts weiter enthalten ist als ein Computer, der mit einer merkwürdigen Konstruktion aus zwei kleinen Lautsprechern verbunden ist, zwischen denen sich ein hand-großes Lederpolster befindet. „Dies ist unser Auditioner Audio Demon-stration System“, sagt er stolz, „es hat uns am Markt einen entscheidenden Vorteil gebracht. Legen Sie ihr Kinn auf das Kissen.“ Er schaltet den Computer ein, auf dessen Bildschirm die architektonische Skizze eines Kirchenschiffs erscheint. Ich lausche einem Orgelkonzert von Bach und sehe, wie sich Bose mit der Maus von einem Winkel des Gebäudes in den anderen klickt, was das Hörerlebnis jedesmal entscheidend verändert. Es kommt mir vor, als würde ich in Bewegung sein, als würde ich willkürlich durch die Räumlichkeit gebeamt. „Zehn Jahre haben wir daran geforscht“, sagt mein Gastgeber sichtlich zufrieden. „Alles was wir brauchen, ist eine architektonische Skizze. Aufgrund dieser Skizze sind wir in der Lage, jeden Sound zu simulieren, der einen später im fertigen Gebäude erwartet. Originalgetreu. Darauf geben wir Garantie.“

Als nächstes führt er mich in einen Raum, der nicht minder verblüfft, weil man in ihm partout nicht auf dem Teppich bleiben kann. Der nämlich hängt an der Wand und mit ihm die ganze Zimmereinrichtung samt Couch und Tisch. Man fühlt sich wie ein Gecko auf Wanderschaft. In dieser verdrehten Welt werden Messungen vorgenommen, um sicherzustellen, daß der angestrebte Raumklang selbst dort perfekt funktioniert, wo man seine Ohren in der Regel nicht aufstellt. Um normal Platz zu nehmen, müßte man schon schwerelos sein.

Bose hat längst gemerkt, daß mich der kleine Ausflug in die wundersame Welt der Akustik in den Bann gezogen hat. Er geleitet mich in einen Nebenraum, wo Decke und Wände ganz und gar mit einem abstrusen Schaumgummirelief verkleidet sind, dessen unterschiedlich lange Spitzen einen regelrecht zu punktieren scheinen. Wir stehen auf einem freischwebenden Rost und als sich die Tür hinter uns schließt, glaube ich aus der Welt katapultiert zu werden. Jedes Wort scheint sich augenblicklich aufzulösen, es findet keinen Halt, keinen Hall. Es nützt auch nichts, wenn man laut wird – mir ist schwindlig. Als wir endlich ins Freie gelangen und der Klang meiner Stimme wieder über die Nasenspitze hinaus reicht, verspüre ich einen unbändigen Drang nach Unterhaltung, nicht etwa wegen der Inhalte, sondern des Wohlklangs wegen, den Sprache bei jemanden auslöst, dem sie eben fast genommen wurde.

Mit Beklemmung sehe ich der nächsten Demonstration entgegen Wie sich herausstellt, ist das auch berechtigt. Amar G. Bose führt mich zum „Bunker“. Der Bunker ist die Hölle. Hinter zwei dicken Stahltüren wartet das akustische Inferno. Ohne die zuvor verabreichten Ohrstöpsel und ohne die festanliegenden Kopfhörer, würde man in diesem dröhnenden Soundgewitter zerplatzen. Wer seinen Kopf in das Triebwerk eines Jumbo-Jets steckt, kommt vermutlich gnädiger davon, als derjenige, der sich an dieser Stelle seiner Kopfhörer entledigt. Im Bunker werden dutzende von Lautsprechern der unterschiedlichsten Größe permanent auf Vollast gefahren, um ihre Lebensdauer am Limit zu testen. Einige schreien seit zwölf Jahren vor sich hin, ohne zusammenzubrechen. Bose legt meine Hand an den Ausgang eines solchen Monstrums, dessen Brüllen die Luft erschüttert. Es fühlt sich an, als versuche man einem Orkan das Maul zu stopfen. Das ist zuviel des Guten, ich will raus.

Als Lohn für erwiesene Tapferkeit zeigt mir Bose sein Auditorium, das er im Parterre des neuen Glaspalastes hat bauen lassen. Der Mann, der trotz aller unternehmerischen Verpflichtungen nie aufgehört hat, am MIT zu lehren, bittet mich, in den oberen Reihen Platz zu nehmen. Er selbst stellt sich unten an die Tafel. „Ich spreche jetzt völlig normal zu Ihnen“, sagt er, „und ich weiß, daß Sie mich gut verstehen. Dieser Raum ist so konzipiert, daß es keiner technischen Hilfe bedarf, um miteinander zu kommunizieren.“ Das Auditorium ist der Platz, in dem Bose seinen potentiellen Kunden die Geheimnisse seiner Wissenschaft offenbart. Hier saßen auch die Herren aus den Chefetagen edler Autoschmieden, für die die Bose Corporation ihre maßgeschneiderten Soundsysteme fertigt. Bose liefert nicht einfach, Bose paßt an. Die Bose-Ingenieure kennen den Innenraum eines Autos bereits, bevor es in Serie geht. Sie vermessen die Akustik der Limousinen derart exakt, daß der exzellente Klang des hauseigenen OEM-Systems (Original Equipment Manufacturer) auch auf den „billigen“ Plätzen garantiert ist. 1983 wurde dieses System erstmals eingesetzt - im Cadillac Seville. In Deutschland bieten Audi, Mercedes und Opel diese Klangqualität, die ihresgleichen sucht.

„Was ist mit BMW?“ frage ich von oben herab. „Sie sprechen zu einem Ingenieur, nicht zu einem Verkäufer“, antwortet er. „Wenn jemand unser Produkt haben will, soll er zu uns kommen. Wer nicht zu uns kommt, der ist noch nicht so weit, der hat uns nicht verdient...“ Da ist es wieder, dieses kindliche Lachen, das ich so schnell nicht vergessen werde. „Wissen Sie eigentlich, daß wir gerade einen Vertrag mit Mekka unterschrieben haben?“ fragt er. Nein, weiß ich nicht. „In Zukunft werden die islamischen Pilger mit glasklaren Gesängen und Informationen bedient“, fügt er an. „Im Grunde ist die Sache ganz einfach. Man muß die Töne nur gut verstehen können. Einen perfekten Sound gibt es nicht. Wer in den Louvre geht, kann auch nicht sagen, welches Bild das Beste ist. Eines aber habe ich gelernt: Akustik hat mehr Dimensionen, als es die Wissenschaftsparameter vermuten lassen.“

Ich steige die Treppen hinab in die erste Reihe. Ich frage ihn, ob er die Voyager-Tapes der NASA kennt, auf denen die elektromagnetischen Felder einiger Planeten unseres Sonnensystems in Töne umgewandelt wurden, die sich wie große kosmische Gesänge anhören. „Nein“, sagt er erstaunt und setzt sich neben mich, „klingt interessant.“ - „Von der Erde gibt es zwei Aufnahmen“, kläre ich ihn auf, „sie wurden im Abstand von zwanzig Jahren gemacht. Im Vergleich zur ersten Aufnahme klingt die zweite, als ob unser Planet weint...“ Er steht auf und legt kurz den Arm um mich. Der Mann hat viel zu sagen, wenn er schweigt. Hoffentlich reißt er sich zusammen, hoffentlich erfindet er in seinem jugendlichen Elan auf seine alten Tage nicht noch ein System, daß unsere Gedanken hörbar macht...

Der Artikel erschien in der Zeitschrift Auto-Forum

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