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Albert Cohen

ALBERT COHEN (1895 – 1981) war ein Schweizer Schriftsteller französischer Sprache. Von 1927 an vertrat er eine zionistische Organisation beim Völkerbund, später bekleidete er wichtige Funktionen bei den Vereinten Nationen. Sein Roman „Die Schöne des Herrn“ gehört für mich zu den größten Werken des 20. Jahrhunderts. Er schildert die allmähliche Zerstörung des Glücks in der „Mausefalle der Liebe“. Hier eine kleine Passage aus dem Buch:

Er trat ans Fenster, betrachtete das hübsch beleuchtete Genf, die flackernden Lichter des französischen Ufers, die schlafenden Schwäne auf dem schwarzen See, die ihre Köpfe unter die Flügelfedern gesteckt hatten. Dann ging er wieder auf sie zu, sah sie lange an und lächelte der Armen, dem Tode Geweihten zu: "Schauen Sie, all diese künftigen Leichname auf den Straßen, auf den Bürgersteigen, so eilig, so geschäftig, und sie wissen nicht, dass die Erde, in der man sie einst begraben wird, schon auf sie wartet. Künftige Leichname, sie scherzen oder entrüsten oder rühmen sich. Zum Tode verurteilte lachende Frauen, die soviel von ihren Brüsten zeigen, wie sie nur können, sie vor sich hertragen, ganz närrisch stolz auf ihre Milchsäcke. Und jene künftigen Leichname, die in der kurzen Zeit ihres Lebens böse sind und gern `Juda verrecke`an die Wände schmieren. Soll man durch die Welt ziehen und zu den Menschen reden? Sie überzeugen, dass sie miteinander Mitleid haben sollten, sie mit ihrem baldigen Toid vollstopfen? Nichts zu machen, sie wollen böse sein. Der Fluch des Wolfzahns. Seit zweitausend Jahren Hass, Verleumdung, Kabalen, Intrigen, Kriege. Was für Waffen wird man in dreißig Jahren erfunden haben? Diese gelehrten Affen werden sich noch einmal alle umbringen, und dann geht die Menschheit an der Bosheit zugrunde. Nur ein Trost, die Liebe einer Frau. Aber diese Liebe zu gewinnen, ist so leicht und so entehrend. Immer die gleiche alte Strategie und die gleichen erbärmlichen Beweggründe, das Fleisch und die gesellschaftliche Stellung."

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