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Wenn die Seele auf Halbmast hängt

Manchmal tut es gut, sich in der Literatur zu bedienen, wenn die Seele wieder einmal auf Halbmast hängt. Bei Novalis zum Beispiel:
 
"Wenn man echte Gedichte liest und hört, so fühlt man einen inneren Verstand der Natur sich bewegen, und schwebt, wie der himmlische Leib derselben, in ihr und über ihr zugleich. Naturforscher haben die unermessliche Natur zu mannigfaltigen, kleinen gefälligen Naturen zersplittert und gebildet. Unter ihren Händen starb die freundliche Natur, und ließ nur tote, zuckende Reste zurück, dagegen sie vom Dichter, wie durch geistvollen Wein, noch mehr beseelt zum Himmel stieg, jeden Gast willkommen hieß und ihre Schätze frohen Muts verschwendete. Es ist schon viel gewonnen, wenn das Streben, die Natur vollständig zu begreifen, zur Sehnsucht sich veredelt, zur zarten, bescheidenen Sehnsucht, die sich das fremde Wesen gerne gefallen läßt, wenn es nur einst auf vertrauteren Umgang rechnen kann …"
 
Aus “Die Lehrlinge zu Sais”. Der Freiherr von Hardenberg (1772-1801) schrieb diese Zeilen, als Europas Landschaft noch wie ein Paradies anmutete. Er schrieb sie in weiser Voraussicht, denn zu einem vertrauteren Umgang mit der Natur, wie ihn sich Novalis wünschte, waren die nachfolgenden Generationen bis heute nicht fähig. Angenommen, man hätte diesen Menschen vor zweihundertzehn Jahren tiefgefroren und erweckte ihn jetzt wieder zum Leben. Sind wir überhaupt noch in der Lage, uns den Schrecken vorzustellen, der ihn nach kürzester Zeit ins Nirvana befördern würde?